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Warum nicht woanders hin?

– Wenn der Kopf nein sagt –

Alles scheint gut im Griff zu sein: Lernplan, WG-Putzplan, Kalender der mit Daten überquillt – die wichtigen und unwichtigen. Je mehr darin steht, desto sicherer fühlst du dich. Alles geht seinen – deinen – wohl kalkulierten Lauf. Dennoch stört dich die unnütze Ordnung … solange bis eines Tages dann jemand oder etwas kommt und dir nah ans Herz legt: Du musst fei mal anderes tun! Und schon befindest du dich im ewig-alten Konflikt zwischen Routine und Abwechslung. Das Alte ödet dich nur noch an, das Neue ist aber zu ungewiss. Was wirst du tun?

Dein melancholisches Brainstorming im Bus der nach dem roten Abendhimmel fährt, lässt in dir langsam aber sicher Fernweh spüren. Am liebsten würdest du ewig so dort sitzen bleiben.

Warum nicht woanders hin? Jeder schwärmt doch immer, wie sie das Reisen lieben – wer tut das nicht? Ich könnte doch genau wie die anderen sein und einfach Nestflucht betreiben. Du bist realistisch und denkst die Sache vorerst durch: Einfach so weggehen kann ich nicht. Die Ferien sind noch lange nicht in Sicht. Ein Wochenende irgendwo … viel zu kurz. Warum denn nicht ganz offiziell und unter dem Vorwand meines Studiums das Weite suchen? Du hast gehört, dass die Austauschprogramme eigentlich jeden nehmen. Du musst nur den Entschluss fassen, dass du willst. Der Drang sofort alles im Kalender zu schreiben drängt sich dir auf; die nächste Info-Veranstaltung wird gleich gegoogelt, eine Mail an diverse Beauftragte wird sofort stichwortartig im Notizblock festgehalten. Und vergess nicht gleich Bekannte anzuschreiben, die das alles schon durchgemacht haben.

Mit einem leisen Lächeln läufst du dann gemütlich nach Hause und freust dich, dass du dich traust auch mal über deinen Tellerrand zu denken. In den hutzeligen vier Wänden lässt du dich dann erst mal auf dein Bett fallen und denkst an die tolle Zeit die haben könntest. Vor allem daran, wie toll es sein wird, wieder zurück zu kommen mit einem geplünderten Erfahrungsschatz vom Ausland im Gepäck.

Du fängst an realistischer zu sein, kramst deinen Laptop vor und fängst an zu recherchieren. Toll, die Veranstaltung für das Semester war bereits vor ein paar Wochen. Das entmutigt dich nicht, die nächste ist … im nächsten Jahr. Nun gut, dann eben einen direkten Termin für das ganze Organisatorische. Du liest dich weiter in die Materie ein, bis es dir langsam dämmert: Ich muss jetzt bereits wissen, ob ich in einem Jahr noch Lust habe, für ein halbes Jahr mich einer Sache zu verpflichten. Was ist, wenn ich bis dahin eigentlich gar nicht mehr will oder sich andere Dinge in meinem Leben einschieben, die ich gar nicht aufgeben möchte? Mich jetzt zu bewerben würde heißen, dass mein Leben hier erst mal auf Pause stünde. Kurse, die ich für meinen Abschluss brauch, sollte ich sogar jetzt schon nicht mehr belegen, da ein Semester im Ausland ein zu große Lücke entstehen lassen würde. Ich melde mich sobald wie möglich an! Der nächste Termin: Im Frühjahr nächsten Jahres. Du wartest ein Jahr, um dich zu bewerben, um ein Jahr auf deinen Platz zu warten, um dann ein halbes Jahr dort zu sein. Wie sollst du nur all das planen, wenn du es nicht einmal schaffst einen Arzttermin für die kommende Woche in deinen Tagesablauf einzufädeln?

Die ersten Antworten und berichte deiner Freunde trudeln ein: Es kommt drauf an, wo du hin willst. Ich hatte damals Glück mit meinem Verfahren. Ich habs privat gemacht und nicht über ein Programm. Die Kurse dort kann man sich meistens nicht anrechnen lassen – ECTS verdienen wird schwer. Ich weiß es nicht …

Woher willst du es dann wissen? Dein Kalender starrt dich ungeduldig an. Er möchte gern mit Daten und Fakten gefüttert werden. So ein paar lose Gedankenfetzen sind doch kein Plan.

Dein Handy plärrt dich an: Das Wichtigste – Motivationsschreiben! motiviert bist du. Du willst gerne die Auslandserfahrung dein Eigen nennen. Du nimmst einen Stift in die Hand, schlägst eine neue Seite auf und setzt an zu schreiben: Ich heiße Mein Name ist … und ich würde möchte mich sehr gerne … ich studiere Germanistik mit großen Interesse … ich möchte gern ins in das Ausland, da ich … im Anhang finden … meinem Lebenslauf sehen Sie, dasssind Noten eigentlich relevant? Ich bin engagiert motiviert und interessiert …

Das klingt alles nicht so ehrlich, denkst du dir. Du entschließt: Ich warte erst einmal ab und schau was das Studium noch so bringt.

Sebastian Simpfendoerfer

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